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ADHS in der Diskussion

Entstehung und Ursachen von ADHS werden in der Fachwelt kontrovers diskutiert. Geht die an der Schulmedizin orientierte Meinung von einem Botenstoffmangel im Gehirn aus, vertreten ganzheitlich ausgerichtete Forscher die entgegengesetzte Meinung. Sie formulieren die These, dass ein Zuviel an Botenstoffen Grundlage der auftretenden ADHS-Problematik sei. Prominenter deutscher Vertreter dieser Auffassung ist der Göttinger Hirnforscher Prof. Gerald Hüther.

Seiner Annahme liegt eine der neuen, aufsehenerregenden Forschungen im Bereich der Neurowissenschaften zu Grunde. Hatte die Fachwelt bis vor Kurzem die These vertreten, das Gehirn sei nach seiner Ausreifung in der Adoleszenz nicht mehr formbar, musste diese These in den letzten Jahren revidiert werden. Das neue Paradigma lautet: Das Gehirn ist ein flexibles Organ, das abhängig von verschiedenen Einflüssen bis ins hohe Alter eben diese Fexibilität aufweist. Eine wichtige Rolle bei der “Formung” des Gehirns spielt in der frühen Kindheit die Bindungserfahrung, später könnte sie allgemein als von “außen kommende Faktoren” zusammen gefasst werden. Nicht nur die Neurowissenschaften, sondern auch auf dem ganz neuen Forschungsgebiet der Epigenetik sind in den vergangenen zwei, drei Jahren bahnbrechende Untersuchungsergebnisse vorgestellt worden. Beiden liegt die Erforschung der “Umwelteinflüsse” auf körperliche Systeme zugrunde.

Diese Forschungsgerbnisse haben der ADHS-Diskussion neuen Input gegeben. So könnte ADHS als eine Krankheit verstanden werden, bei der es zu spezifischen hirnorganischen Neurotransmitterverhältnissen kommt, die wesentlich durch die frühen interaktiven Beziehungserfahrungen des Kindes mit seinen primären Bezugspersonen bestimmt werden. (Psychoanalyse aktuell)

“Für die weitere wissenschaftliche Diskussion von Psychoanalytikern und Medizinern können die neueren Erkenntnisse der Hirnforschung, wonach die frühe Umwelterfahrung einen entscheidenden direkten Einfluss auf die Differenzierung des Gehirngewebes ausübt, als Brücke zur Verständigung dienen. So können Psychotherapeuten akzeptieren lernen, dass es tatsächlich auch organisch-neurologische Engramme gibt, die Verhalten steuern und medikamentös beeinflussbar sind. Die biologistisch denkenden Mediziner wiederum müssten anerkennen, dass die Reifung des menschlichen Gehirns wesentlich im Rahmen der frühen sozialen Beziehungserfahrungen geprägt wird.”*

10.01.2007

* Autor: Dr. phil. Frank Dammasch, Diplom Soziologe und Pädagoge, analytischer Kinder- und Jugendlichen Psychotherapeut in Frankfurt am Main

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